Bhopal

Im Jahr 1984 ereignet sich die bis heute größte Chemiekatastrophe in der Geschichte: Aus einem Pestizidwerk in Bhopal, der Hauptstadt des indischen Bundesstaats Madhya Pradesh, entweichen tonnenweise hochgiftige Substanzen. In der Folge sterben zehntausende Menschen, hunderttausende erleiden schwerwiegende gesundheitliche Schäden. Der Boden nahe der Anlage ist bis heute stark kontaminiert.

Während die Zahl der Opfer an die manch schwerer Naturkatastrophe heranreicht, so war diese Katastrophe doch alles andere als unvermeidlich. Ohne eine Reihe von menschlichen Fehlentscheidungen, häufig getrieben durch Profitgier und ein fehlendes Verantwortungsbewusstsein, wäre sie kaum vorstellbar gewesen. Auch die Aufarbeitung des Vorfalls lässt sehr zu wünschen übrig: Viele Opfer haben bis heute kaum eine Kompensation erhalten; die meisten Verantwortlichen können sich noch immer einer Strafverfolgung entziehen.

Trotz der immer noch unerträglichen Situation der Überlebenden in Bhopal schwindet die Erinnerung an den Unfall in der breiten Öffentlichkeit. Es gibt außerhalb Indiens keine gesellschaftliche Debatte, keinen öffentlichen Druck auf die Verantwortlichen und nur wenig Unterstützung für die berechtigten Anliegen der Opfer. Amnesty International nimmt den 30. Jahrestag der Katastrophe von Bhopal erneut zum Anlass, dem schleichenden Vergessen entgegenzuwirken und die Aufarbeitung des Unfalls einzufordern. Nur so kann die Wiederholung solcher Katastrophen verhindert werden.

 

Vorgeschichte

Ende der 70er Jahre errichtete die Union Carbide India Limited in Bhopal eine Anlage zur Herstellung des Pestizids Carbaryl. Bereits vor dem 3.12.1984 hatte es verschiedene Unfälle und Unglücke mit einigen Toten und Verletzten auf der Anlage gegeben.

 

Die Katastrophe

Am 3. Dezember 1984 kam es zur Katastrophe: In einen Lagertank mit Methylisocyanat, das als Ausgangsstoff für die Herstellung des Pestizids Carbaryl dient, drang Wasser ein. In einer chemischen Reaktion entstanden auch gasförmige Stoffe. Dadurch stieg der Druck im Tank so stark an, dass sich Überdruckventile öffneten und etwa 35 Tonnen hochgiftiger Chemikalien in die Umgebung gelangten. Die entstandene Giftwolke breitete sich schnell in der Umgebung aus.

Eine Information des Anlagenbetreibers Union Carbide über die Art und die Menge der ausgetretenen Stoffe erfolgte bis heute nicht, was die medizinische Behandlung der Opfer sehr erschwerte. Sicher ist, dass sich unter den entweichenden Chemikalien Methylisocyanat befand. Es ist ein Kontaktgift und führt zu schweren Verätzungen. Erstsymptome einer Methylisocyanat-Vergiftung sind u.a. Atemnot, Erstickungsanfälle, Erbrechen, Bewusstlosigkeit, Verätzungen der Schleimhäute (Mund, Lunge, Magen, Augen, usw.) sowie Sehstörungen und Erblindung. Später treten Hirnschäden, Lähmungen, Lungenödeme, Magen-, Nieren-, Herz- und Leberleiden auf. Außerdem ist Methylisocyanat fruchtschädigend.

 

Die Auswirkungen

An den direkten Folgen der Katastrophe starben etwa 8.000 Menschen; durch die Folge- und Umweltschäden erhöhte sich diese Zahl auf über 20.000 Menschen. Zudem leiden über 100.000 Menschen bis heute an den Spätfolgen.

Die Menschen im unmittelbar an die Fabrik grenzenden Viertel waren der Giftwolke ungeschützt ausgesetzt. Die medizinische Versorgung war mit der Vielzahl der Betroffenen und der Schwere der Verletzungen überfordert. In den betroffenen Gebieten rund um die Anlage sind noch heute die Raten von Früh- und Fehlgeburten stark erhöht. Außerdem sind Unfruchtbarkeit, Fehlbildungen bei Neugeborenen und Entwicklungsstörungen bei Kindern die Folge. Die Versorgung mit sauberem Trinkwasser kam nur schleppend zustande und reicht bis heute nicht aus.

Die Anlage und das sie umgebende Gebiet sind nach wie vor kontaminiert. Eine Dekontamination des Gebiets ist notwendig, um dem Leiden der Bhopal-Einwohner ein Ende setzen zu können. Getan wurde bis heute aber fast nichts.

 

Juristische Aufarbeitung und Forderungen von Amnesty International

Amnesty International (AI) setzt sich bis heute für die Opfer in Bhopal ein und betont die fortwährende Verletzung der Menschenrechte. Daher fordert AI nichtstaatliche Akteure, Regierungen und die Völkergemeinschaft auf, die Zeit der Tatenlosigkeit oder des Hinhaltens zu beenden.

Fünf Jahre nach dem Vorfall einigte sich die indische Regierung mit Union Carbide auf die Zahlung einer Entschädigung von 470 Mio. US-$. Im Gegenzug wurde den Verantwortlichen Straffreiheit gewährt. AI sieht diese Einigung jedoch als unzureichend an, da die Opfer von den Verhandlungen ausgeschlossen wurden, im Anschluss kaum Hilfsleistungen erhielten und weiterhin keine hinreichende Untersuchung der Umwelt- und Gesundheitsschäden durchgeführt wurde. Die Straffreiheit der Verantwortlichen wurde später vom Obersten Gerichtshof Indiens aufgehoben.

Die Strafverfolgung wird dadurch erschwert, dass Union Carbide durch den Konzern Dow Chemical übernommen wurde. Dow verweigert ein Erscheinen vor indischen Gerichten trotz einer erfolgten Vorladung.

Aus diesen Gründen stellt Amnesty International folgende Forderungen:

  1. Eine Dekontaminierung des betroffenen Gebietes
  2. Das Erscheinen von Dow Chemical vor indischen Gerichten
  3. Die ausreichende Versorgung der betroffenen Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser, medizinische Behandlung und eine ökonomische Rehabilitierung
  4. Eine stärkere Thematisierung der Katastrophe von Bhopal durch den UN-Menschenrechtsrat

 

Amnesty-Berichte zu Bhopal:

Aktuelle Informationen zu Bhopal findet ihr auf der Webseite der Amnesty-Koordinationsgruppe Indien.